Mittwoch, 19 November 2008 00:00

„Next Generation - Die neue Jugendpartei“ Schülerwettbewerb zu den Bezirks- & Landtagswahlen 2008

geschrieben von  Fritz Multrus
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Bayernweiter Schülerwettbewerb der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Politikverdrossenheit und Wahlmüdigkeit - Schlagworte, die gerade für Jugendliche und Erstwähler ganz besonders zutreffen. Zur Förderung der Wahlbeteiligung wurde deswegen von dem inzwischen ehemaligen Landtagspräsidenten Alois Glück als Schirmherr sowie dem damaligen Kultusstaatssekretär Bernd Sibler ein bayernweiter Schülerwettbewerb ausgeschrieben. Die Teilnehmer sollten sich mit "einem kontrovers diskutierten Thema der Landespolitik" auseinandersetzen und eine "digitale Präsentation gestalten". Zwar war die Terminierung mit dem Abgabetermin am 5. August 2008 für Schulen denkbar ungünstig, aber der frühe Wahltermin im neuen Schuljahr ließ keine andere Möglichkeit zu. Drei Klassen als Preisträger durften am 24. September 2008 ihre Ergebnisse im Bayerischen Landtag unter Anwesenheit von Politikern und Medienvertretern präsentieren. Zu diesen Gewinnern gehörte auch die ehemalige Klasse 10B des Leonhard-Wagner-Gymnasiums in Schwabmünchen mit ihrem Projekt "Next Generation - Die neue Jugendpartei".

Eine Idee wird geboren!

Bei der Vorstellung des Wettbewerbs in der Klasse war die Begeisterung groß und in der Diskussion entstand die Idee, nicht bloß ein Einzelthema zu bearbeiten, sondern gleich eine eigene fiktive Jugendpartei als Alternative zu den Landtagsparteien zu gründen. Allerdings war Anfang Juni allen Beteiligten noch nicht bewusst, welche Arbeit und Hürden auf sie zukommen sollten.

Zuerst musste ein zündender Parteiname gefunden werden. Bei einer Online-Abstimmung mit der Lernplattform MOODLE entschied sich die übergroße Mehrheit für den Parteinamen „Next Generation". Überhaupt war MOODLE sehr nützlich, um außerhalb der zwei Wochenstunden Sozialkunde Arbeiten zu verteilen, Zwischenberichte einzuholen und sich zu verständigen. Als erster Schritt sollte die politische Einstellung von Erstwählern untersucht werden, um dann eigene Vorstellungen und politische Forderungen zu entwickeln.

Umfrage bei Erstwählern in der K12

Eine Arbeitsgruppe erstellte einen Fragebogen mit 11 Fragen, die in der K12 verteilt wurden. Zur Erstellung und Auswertung der Umfrage wurde die Software GrafStat verwendet. Knapp 120 wahlberechtigte Schüler des Jahrgangs beantworten die Fragen zu politischen Einstellungen, aber auch Wissen. Interessante Ergebnisse wurden diskutiert und als Grundlage für die Konzeption der eigenen Jugendpartei benutzt. So gaben 65 % an, sich an der Landtagswahl beteiligen zu wollen - ein deutlich höherer Wert als bei allen Erstwählern. Ebenfalls bezeichneten sich 47 % als politisch interessiert, auch ein höherer Wert als die 39 % der Shell-Studie 2006. Für politische Ziele lassen sich Jugendliche am besten durch Internet, Musik und Werbespots im Fernsehen, aber nicht durch Wahlplakate oder Jugendorganisationen der Parteien erreichen, ergab die Umfrage. Viele Jugendliche meinen, politische Themen seien zu kompliziert, zu langweilig und Politiker würden Themen die Jugendliche interessieren nicht ansprechen. Unübersehbar ist bei Erstwählern die politische Resignation, da sie meinen, Jugendliche könnten doch nichts bewirken oder sie seien von der Politik generell enttäuscht. Bei der 'Sonntagsfrage' hatte immerhin die SPD mit 28 % die Nase vorn, gefolgt von der CSU mit 25 % und den Grünen mit 16 %. Repräsentativ sind diese Ergebnisse natürlich in keiner Weise, aber sie werfen ein Schlaglicht auf die Schwabmünchner Gymnasiasten.

Gründungsparteitag & Kandidatenwahl als Simulation

Wahlplakat der "Next Generation"Auf einem simulierten Gründungsparteitag konnten sich verschiedene Schüler als Parteivorsitzende und Kandidaten für die Wahl vorstellen und mit einer kurzen Rede bewerben. Eindrucksvolle und engagierte Reden wurden gehalten, die Klasse war ein aufmerksames und kritisches Publikum. Gewählt wurden schließlich der Parteivorsitzende, seine Stellvertreterin und zwei Kandidaten. In der Unterrichtsstunde wurden noch vier Arbeitsgruppen zu den Themen Alternative Energien, Schule und Ausbildung, Neue Medien in der Schule sowie soziale Sicherung und Staatsverschuldung gebildet, die Forderungen und Wahlslogans für den Wahlkampf erarbeiten sollten. Zwischenberichte und Ergebnisse mussten vor der nächsten Stunde in MOODLE eingestellt werden.

 

Aufgaben und Vorbereitung der Wahlkundgebung

Im Laufe der nächsten beiden Stunden entstand noch eine Vielzahl von Ideen und Vorhaben. Ganz klar, eine Partei braucht ein Logo, eine Homepage und ein Jingle als Erkennungszeichen. Aber auch ein Wahlplakat, ein Kandidateninterview als Video und eine Stellwand in der Schule sollten entstehen. Mit großem Enthusiasmus stürzten sich die Schüler in die Arbeit. Natürlich konnte der größte Teil der Aufgaben nur nach dem Unterricht und am Wochenende geleistet werden. Natürlich bastelten die Computerfreaks an einer tollen Homepage, aber auch bisher nicht durch übermäßige Aktivität im Unterricht aufgefallene Schüler setzten sich ernsthaft mit ihren Aufgaben auseinander. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen bildeten die Grundlage für den Inhalt der Homepage, das Kandidateninterview und die Wahlplakate der neuen Partei. Nicht immer waren Ergebnisse und Diskussion wirklich fundiert und wohl überlegt. Die Gefahr war, dass doch oft sehr schnell eher Schlagwörter oder auch Floskeln aussagekräftige und eindeutige Aussagen ersetzten - insofern unterscheidet sich die Partei Next Generation gar nicht so sehr von den realen Vorbildern. Immerhin wurden zahlreiche vorzeigbare Ergebnisse von den Schülern arbeitsteilig fertig gestellt:

  • Vorbereitung und Durchführung einer Umfrage in der K12 zu politischen Einstellungen und Wissen der Erstwähler
  • Auswertung und Diagramme der Umfrageergebnisse als Grundlage für Ziele und Forderungen der neuen Partei
  • Umfangreiche Homepage der Jugendpartei Next Generation, die nicht nur im Inhalt, sondern auch im Design besonders Jugendliche und Erstwähler ansprechen soll
  • Ein ansprechendes Parteilogo
  • Eine Stellwand zur Vorstellung des Projekts in der Schule
  • Ein Wahlplakat - digital angefertigt
  • Wahlplakate für die Wahlkundgebung
  • Musikjingles als Erkennungszeichen für Next Generation
  • Videoclip: Interview der Kandidaten
  • Wahlkundgebung mit Plakaten und Reden der beiden Kandidaten

Die Schüler brachten zwar recht unterschiedliche Fertigkeiten und auch Engagement ein, aber selbst die normalerweise recht inaktiven waren eingebunden und leisteten z. T. erstaunliche Beiträge.


Wahlkundgebung



Wahlkundgebung der "Next Generation"

Als Abschluss des Projekts war eine Kundgebung auf dem Schulhof vorgesehen. Diese Simulation eines öffentlichen Auftritts war gar nicht so einfach zu bewerkstelligen. Alle Arbeiten wie inhaltliche Diskussion, Wahlplakate und thematische Vorbereitung mussten abgeschlossen sein, um diese Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Der feste Termin übte erheblichen Druck auf alle Beteiligten aus, aber dennoch oder deswegen war die Kundgebung ein Erfolg. Nach anfänglichem Zögern wegen der neuen Rolle hielten der Parteivorsitzende und die beiden Kandidaten mitreißende Reden, die von den Schülern begeistert beklatscht wurden. Im Vordergrund standen die Forderungen „Weg mit den Studiengebühren!", „Wir wollen keine neuen Staatsschulden!" und „Sonnenenergie + Kernfusion + Wasserstoffautos = Zukunft & Next Generation".

Preisverleihung im Bayerischen Landtag

Unter extremem Zeitdruck wurden am allerletzten Schultag noch die letzten Videoclips und Dokumentation des Projekts endgültig fertig gestellt, so dass der Termin für den Wettbewerb noch eingehalten werden konnte. Zwar war den Teilnehmern bewusst, dass das Projekt sich sehen lassen konnte, aber ob es deswegen dann auch preiswürdig ist, konnte man nicht einschätzen.



Schwabmünchner Schüler mit Alois Glück (vorne Mitte) und Werner Karg(rechts) am 24.09.08 im Landtag
Quelle: Pressearchiv Bayerischer Landtag


Um so größer war die Freude als dann zu Beginn des neuen Schuljahres die Nachricht kam, dass das Projekt Next Generation und damit die Klasse 10B zu den drei Hauptpreisträgern gehörte. Am 24. September 2008, also wenige Tage vor der Landtagswahl, konnten Schüler ihr Projekt im Bayerischen Landtag vor dem Landtagspräsidenten Alois Glück, jeweils einem Abgeordneten aus den Fraktionen und Pressevertretern vorstellen. Auch der Kultusstaatssekretär Bernd Sibler würdigte in einer Rede die Leistungen der Preisträger.


Klasse 10B mit Staatsekretär Bernd Sibler (erste Reihe, dritter v.l.)
Quelle: Pressearchiv Bayerischer Landtag


Der Besuch war mit einer Führung durch den Landtag und einem Mittagessen verbunden. Enttäuscht waren die Schüler hinterher, weil sie außer einem billigen Kugelschreiber nichts in den Händen hielten. Eine Fotografie zusammen mit dem Landtagspräsidenten und dem Kultusstaatsekretär ist wohl nicht unbedingt schon eine Auszeichnung. Niemand hatte ein hohes Preisgeld oder teure Sachgeschenke erwartet, aber dass sie nicht einmal eine Urkunde oder ein Zertifikat mit nach Hause nehmen konnten, hat die engagierten Schüler doch sehr enttäuscht. Inzwischen wurde versprochen, dass die Schüler eine Urkunde nachgereicht bekommen.

Fazit: Handlungsorientierter Politikunterricht

Dieses Projekt ermöglichte den Einsatz vielfältiger didaktischer Methoden und Prinzipien. Im handlungsorientierten Politikunterricht konnten die Schüler intensiv produktiv gestalten, indem sie Plakate, eine Homepage, Diagramme u.a. anfertigten. Problematisch ist sicherlich, dass oft dieses produktive Gestalten und auch die Simulation bei den Schülern sehr gut ankamen, während die thematische Recherche und die anspruchsvollere inhaltliche Diskussion des Öfteren etwas zäh und unüberlegt ablief - was bei 16- und 17-jährigen Schülern vielleicht noch zu entschuldigen ist. Bei den zahlreichen Aspekten fand jeder Schüler seine Interessen berücksichtigt, aber manche Schüler brauchten doch noch dauernde Kontrolle und Anweisungen, damit wirklich ein Ergebnis zustande kam. Diese unterschiedlichen Aktivitäten und Aufgaben zu koordinieren und unter einen Hut zu bringen, war gar nicht so einfach. Aus der recht einfachen Grundidee entwickelte sich mit der Zeit doch ein umfangreiches und fast nicht mehr zu bewältigendes Vorhaben. Die ein oder zwei Stunden Sozialkundeunterricht reichten selbst über mehrere Wochen hinweg nicht aus. Die Hauptaktivitäten fanden deswegen auch erst nach dem Notenschluss am Ende des Schuljahres statt. Ganz wichtig war noch der Projekttag, bei dem viele Pläne und Rudimente erst vollständig umgesetzt und abgeschlossen werden konnten. Im normalen Unterricht wäre z.B. die Erstellung des Fragebogens und dessen Auswertung nicht möglich gewesen. Eine Gruppe aus vier Schülerinnen erledigte dies an einem Wochenende und konnte dann sehr passable Ergebnisse als Diskussionsgrundlage vorstellen. Auffallend war der krasse Unterschied in der Medienkompetenz: Während eine kleine Gruppe höchst anspruchsvolle Aufgaben wie der Programmierung und Gestaltung einer Homepage meisterte, war doch für viele Schüler selbst eine einfache PowerPoint-Präsentation ein Buch mit sieben Siegeln. Hier zeigt sich, dass digitale Medien im Unterricht noch längst nicht zu den Selbstverständlichkeiten gehören - hier gibt es in Zukunft noch viel zu tun! So ein Großprojekt geht natürlich nicht ohne Pannen ab: So musste wegen eines defekten Mikrophons das Kandidateninterview nochmals gedreht werden und der Videoclip wurde zuerst in einer viel zu niedrigen, qualitativ zu schlechten Auflösung abgespeichert. Auch stellte sich in den letzten Schulwochen ein Schülerschwund wegen aller möglichen Aktivitäten wie Führerschein, Volleyballturnier und anderer Absenzen ein. Aber selbst diese Defizite konnten den Enthusiasmus der meisten Schüler nicht bremsen - und das Gesamtergebnis kann sich doch sehen lassen.

Weitere Informationen:

Der Wettbewerb auf der Internetseite der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Artikel in der Augsburger Allgemeinen vom 25.09.08

 

Gelesen 759 mal Letzte Änderung am Samstag, 20 Dezember 2014 17:53
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