Donnerstag, 29 Mai 2008 00:00

Interview mit Sarah Brunnhuber über ihre Diplomarbeit „Projekte zur Erhöhung der Wahlmotivation"

geschrieben von  Redaktion
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Im Rahmen ihrer Diplomarbeit im Studiengang Pädagogik an der Universität Augsburg hat sich Sarah Brunnhuber mit Projekten zur Erhöhung der Wahlmotivation auseinandergesetzt und Qualitätskriterien für erfolgreiche Projekte entwickelt. Wir haben mit Frau Brunnhuber gesprochen.

Frau Brunnhuber, Sie haben Nichtwähler in Ihrer Arbeit als Forschungsdefizit bezeichnet. Können Sie uns dies bitte erläutern?

Am Beginn meiner Arbeit habe ich mich mit verschiedenen Theorien auseinandergesetzt, die erklären warum sich viele Bürger nicht an Wahlen beteiligen und warum der Anteil der Nichtwähler weiter steigt. Um Theorien zu bestätigen oder zu verwerfen, bedarf es anschließend ihrer wissenschaftlichen Überprüfung. Und hier ist der Haken. Denn die Nichtwählerforschung hat mit einigen Problemen zu kämpfen und stößt dabei bisher an ihre Grenzen. Beispielsweise besteht ein Mangel an Längsschnittdaten, die einen Vergleich zwischen Wählern und Nichtwählern über die Jahre hinweg zulassen würden. Aber auch die in der Wahlforschung üblichen mündlichen Umfragen und damit verbunden der häufig auftretende Fehler der sozialen Erwünschtheit, der Datenschutz und der Grundsatz des geheimen Wahlrechts tragen dazu bei, dass Nichtwähler und ihre Motive bis heute nicht ausreichend erforscht sind. Besonders besteht ein Mangel an neueren Studien, die sich anderer, qualitativer Methoden bedienen würden.

Was sind die Hauptgründe warum die Wahlbeteiligung niedrig ist und weiter sinkt?

Obwohl die Erforschung der Nichtwähler noch unzureichend ist, gibt es einige wenige Studien, die ein Bild der Nichtwähler und ihrer Motive zeichnen. In meiner Arbeit habe ich mich dabei besonders auf die Ergebnisse der Stuttgarter Untersuchung von Michael Eilfort gestützt. Aus dieser lassen sich zehn motivations- und beteiligungshemmende Merkmale ableiten. Allerdings muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass diese Merkmale für die Gruppe der konjunkturellen Nichtwähler gelten und nicht für die Gruppe der Dauernichtwähler.Motivations- und beteiligungshemmende Merkmale sind insbesondere:

  • Politisches Desinteresse
  • Gefühl der subjektiven Kompetenz- und Einflusslosigkeit
  • Politik- und Parteienverdrossenheit
  • Soziale Desintegration

Zusammenfassend heißt das, dass Nichtwahlverhalten nicht monokausal erklärbar ist. Den Nichtwähler an sich gibt es demnach nicht, sondern vielmehr verschiedene Typen von Nichtwählern. Dennoch gilt bei den meisten Nichtwählern folgende „Faustregel": Je mehr der Faktoren beim Einzelnen aufeinandertreffen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er eine geringere Wahlmotivation aufweist und sich nicht an der anstehenden Wahl beteiligen wird.


Weitere motivations- und beteiligungshemmende Merkmale:

  • Sozialstrukturelle Faktoren, besonders das Alter
  • Parteiungebundenheit
  • Sinkendes Wahlpflichtempfinden
  • Rationale Wahlmotive
  • Zweifel an der Eignung von Wahlen als geeignetes Mittel zur Willensartikulation
  • empfundene Wahlhierarchie

Wie hat sich die Recherche nach passenden Projekten zur Erhöhung von Wahlmotivation gestaltet?

Über Monate hinweg habe ich mich an zahlreiche Institutionen im ganzen Bundesgebiet gewandt und dort angefragt, ob sie in der Vergangenheit ein solches Projekt durchgeführt haben. Schnell wurde mir dabei klar, dass sich viele der Institutionen und deren Ansprechpartner schwer getan haben mir Informationen zu geben, obwohl sie über Erfahrungen und Projekte verfügten. Dennoch gab es einige Personen, die mir zahlreiche Informationen lieferten und mir mit Rat und Tat zur Seite standen. Eine solche Zusammenarbeit und Vernetzung hätte ich mir von allen Beteiligten, die für das gleiche Ziel arbeiten, nämlich die Erhöhung der Wahlmotivation gewünscht. Hierin liegt auch das wesentliche Ziel meiner Arbeit. Sie soll zu einer verbesserten Vernetzung und zu einer Erhöhung des Austauschs aller Beteiligten anregen.

Das mir von den Projektmachern zugesandte Material habe ich anschließend gesichtet und anhand der Qualitätskriterien ausgewertet. Dabei ist mir aufgefallen, dass die wenigsten Konzepte angemessene Vorüberlegungen enthalten, warum sich viele Bürger nicht am Wahlakt beteiligen. Auch die Zielformulierungen der Projekte, Dokumentationen des Projektverlaufs und Evaluationen der Ergebnisse und Wirkungen waren nur selten zu finden. Deshalb würde ich mir zukünftig eine bessere wissenschaftliche Fundierung und Begleitung der Projekte wünschen.

Außerdem enthielten die meisten mir zur Verfügung gestellten Projekte v.a. Wahlprüfsteine und Podiumsdiskussionen. Da ich diese Methoden nur als Ergänzung und nicht als Hauptelement sehe, um Wahlmotivation zu erhöhen, möchte ich die Projektmacher dazu auffordern, künftig eine Erweiterung ihres Methodenspektrums vorzunehmen.

Abschließend möchte ich erwähnen, dass ich auf der Suche nach gelungenen Projekten nur auf solche gestoßen bin, die sich an den Jungwähler im Allgemeinen richteten. Meines Erachtens wären aber zwei Dinge wichtig. Zum einen sollten manche Projekte sich an spezielle Gruppen von Jugendlichen richten, z.B. arbeitslose, weibliche oder ostdeutsche Jugendliche oder Jugendliche mit Migrationshintergrund. Zum anderen erachte ich es als wichtig, dass auch andere Bevölkerungsgruppen in Projekte einbezogen werden. Denn auch wenn sich v.a. Jugendliche und unter ihnen besonders vorher genannte Gruppen, seltener an Wahlen beteiligen, so ist die steigende Wahlabstinenz kein jugendspezifisches sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem, deren Lösung auch nur gesamtgesellschaftlich, d.h. unter Mithilfe von Medien und Politikern bzw. Parteien erreicht werden kann.

Warum beziehen sich die meisten von Ihnen vorgestellten Projekte auf Jungwähler?

Der Jungwähler nimmt eine Sonderstellung unter den Nichtwählern ein. Seine Wahlbeteiligung liegt im Vergleich zum Durchschnitt der gesamten Wahlberechtigten deutlich niedriger. Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe. Bei vielen Jungwählern findet sich eine Ansammlung von motivations- und beteiligungshemmenden Faktoren wieder. Geht man von der im Vorhinein vorgestellten „Faustregel" aus, erklärt sich warum viele Jungwähler zur Nichtwahl tendieren. Außerdem sind motivations- und beteiligungshemmende Merkmale beim Jungwähler meist ausgeprägter als beim Erwachsenen. So sind z.B. viel mehr Jungwähler im Vergleich zu Wählern mittleren oder höheren Alters parteiungebunden. Auch empfinden sie die Plicht an Wahlen teilnehmen zu müssen, deutlich schwächer als ältere Generationen. Des Weiteren gibt es unter den Jungwählern eine hohe Anzahl an rationalen Wählern. Besonders ausgeprägt sind bei den Jungwählern allerdings die Faktoren des politischen Desinteresses, das Gefühl der subjektiven Kompetenz- und Einflusslosigkeit und die Politik- und Parteienverdrossenheit.
Unter den jugendlichen Nichtwählern sind wiederum besonders Mädchen und junge Ostdeutsche überrepräsentativ vertreten.

Sie Haben Qualitätskriterien entwickelt und diese zur Bewertung der Projekte herangezogen. Können Sie uns darüber mehr berichten?

In meiner Arbeit stelle ich gelungene bzw. erfolgreiche Projekte zur Erhöhung der Wahlmotivation vor. Das wirft natürlich die Frage auf, warum sind diese Projekte von mir als gelungen und sogar als bundesweit am besten bewertet worden? Ich habe die Qualitätskriterien zum einen entwickelt, um meine Bewertung für den Leser meiner Arbeit nachvollziehbar zu machen. Aber auch mir haben die Qualitätskriterien geholfen, denn oft hatte ich bei Projekten zunächst ein positives oder auch negatives Gefühl. Anhand der Qualitätskriterien konnte ich mein Gefühl überprüfen. Dennoch müsste nun eine vertiefende empirische Analyse erfolgen, um z.B. zu überprüfen, ob andere zu den gleichen Bewertungen und Ergebnissen kommen.

Meine Qualitätskriterien lassen sich in zwei Kategorien einteilen. Die erste orientiert sich an den motivations- und beteiligungshemmenden Merkmalen. Ich habe somit alle Projekte dahingehend überprüft, ob und welche motivations- und beteiligungshemmende Faktoren sie berücksichtigt haben und wie sie versucht haben diese positiv zu beeinflussen. Denn nur, wenn die Motive der Nichtwähler ausreichend erkannt wurden, kann zielgerichtet interveniert werden. Allerdings können bzw. sollen Projekte zur Erhöhung der Wahlmotivation nicht auf alle motivations- und beteiligungshemmende Merkmale gleichermaßen eingehen. Deshalb habe ich sozialstrukturelle Faktoren, die vielmehr dazu dienen die Zielgruppe einzugrenzen, sowie die Faktoren der Parteiungebundenheit, des sinkenden Wahlpflichtempfindens und des Zweifel an der Eignung von Wahlen aus den Qualitätskriterien herausgenommen und somit nicht zur Projektbewertung herangezogen. Übrig blieben in der ersten Kategorie somit die Faktoren des politischen Desinteresses, des Gefühls der subjektiven Kompetenz- und Einflusslosigkeit, der rationalen Wahlmotive, der Politik- und Parteienverdrossenheit, der sozialen Desintegration und der empfundenen Wahlhierarchie.

Die zweite Gruppe der Qualitätskriterien betreffen den Rahmen der Projekte. Folgende Qualitätskriterien wurden hierbei von mir aufgestellt: Methodisches Vorgehen und Zielgruppenansprache, Durchführbarkeit, Bekanntheitsgrad, Auswirkung auf die Politik, Evaluation und angestrebtes Bürgermodell.

Zur genaueren Erfassung der Kriterien habe ich jeweils Unterfragen entworfen.
Damit dem Leser zudem auf einen Blick klar wird, ob ein Projekt die jeweiligen Kriterien erfüllt, habe ich farbliche Markierungen vorgenommen.

Bitte stellen Sie uns anhand eines Projektes dar, wie Sie bei der Bewertung vorgegangen sind.
Zunächst habe ich jedes Projekt beschrieben, wobei ich jeweils einen Kurzüberblick gegeben habe und auf wesentliche Zielsetzungen, methodisches Vorgehen, Evaluationen, etc. eingegangen bin. Anschließend habe ich meine Qualitätskriterien und die jeweiligen Unterfragen zur Hand genommen und anhand dieser die Projekte bewertet.

So z.B. beim Wahl-O-Mat: Durch seine zahlreichen Evaluationen wurde deutlich, dass er einen positiven Einfluss auf das politische Interesse, die Parteien- und Politikverdrossenheit, die Integration bzw. den politischen Austausch und die Bewertung der Wichtigkeit von Wahlen hat. In den Bereichen der Verbesserung von politischen Kompetenzen und seinem Einfluss auf rationale Wahlmotive schneidet der Wahl-O-Mat allerdings eher schlecht ab. Die Qualitätskriterien, die den Rahmen des Wahl-O-Mat betreffen, habe ich durchweg positiv bewertet, mit Ausnahme des Kriteriums des angestrebten Bürgermodells, denn das Internet-Tool fördert im wesentlichen die kognitiven Fähigkeiten seines Nutzers, nicht aber seine prozeduralen und habituellen Kompetenzen. Eine herausragende Rolle nimmt das Kriterium des Bekanntheitsgrads beim Wahl-O-Mat ein, da er in ganz Deutschland bekannt ist und genutzt wird.

Gab es bayerische oder schwäbische Projekte, die Sie als erfolgreich bewertet haben?

Zwei Projekte, die aus Augsburg stammen, beurteilte ich als gelungen. Zum einen die Methodensammlung für Begegnungsmöglichkeiten von Erstwählern und Kandidaten Du hast die Wahl des Bezirksjugendrings Schwabens. Zum anderen das Projekt 11Tausend des Stadtjugendrings Augsburg. Diese beiden Projekte haben überdurchschnittlich gut abgeschnitten. Besonders in den Bereichen Integration und Auswirkung auf die Politik nehmen diese beiden Projekte eine Vorbildrolle ein.

Zusammenfassend haben Sie grundlegende Elemente festgehalten, die Projekte zur Erhöhung von Wahlmotivation enthalten sollten, um ihre Wahrscheinlichkeit auf Erfolg zu erhöhen. Können Sie uns einige davon nennen?

Während des Schreibens meiner Diplomarbeit wurde mir klar, dass alle meine Bewertungskriterien bedeutend sind, dass ich aber dennoch eine Abstufung ihrer Wichtigkeit vornehmen möchte. Deshalb habe ich grundlegende Regeln bzw. Elemente festgelegt, die Projekte auf jeden Fall beinhalten sollten, um von Jugendlichen angenommen zu werden. So muss z.B. Politik verständlich und erlebbar sein. Auch empfiehlt es sich, dass Projekte mit langfristig bestehenden Gruppen, z.B. Schulklassen persönlich zusammenarbeiten. Des Weiteren muss darauf geachtet werden, dass Projekte zur Erhöhung der Wahlmotivation für Jugendliche authentisch wirken und nicht an ihren Bedürfnissen vorbei gehen. Neben der Zielgruppe sollen Projekte aber auch die Medien und die Öffentlichkeit erreichen, so dass anstehende Wahlen ein Thema in der gesamten Gesellschaft werden.

Wie können Interessierte an Ihre Diplomarbeit gelangen oder mit Ihnen Kontakt aufnehmen?

Wer Interesse an meiner Arbeit hat, schreibt mir am besten eine E-Mail an folgende Adresse: Sarah.Brunnhuber@gmx.de
Ich sende die Diplomarbeit dann gerne als pdf-Datei weiter. Natürlich stehe ich auch für Fragen, Anmerkungen und Kritik zur Verfügung. Besonders würde ich mich darüber freuen, wenn sich jemand bei mir melden würde, der Interesse daran hat meine Diplomarbeit zu drucken.

Frau Brunnhuber, vielen Dank für das Gespräch.

Links:
Wahl-O-Mat
Kommunalpolitik erleben -Du hast die Wahl

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