Dienstag, 20 November 2007 00:00

Politikverdrossenheit

geschrieben von  Irina Schumacher
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Desinteresse an Politik und mangelndes Vertrauen in die etablierten politischen Institutionen deuten auf die Politikverdrossenheit unserer Jugend hin. Kann sich unsere Gesellschaft ein Desinteresse an Demokratie erlauben? In diesem Beitrag werden diverse Trends in der Einstellung der Jugendlichen zur Politik diskutiert und anschließend auf ihre Relevanz für die Formulierung der Aufgaben der politischen Bildung hin betrachtet.
 

Aktuell im Oktober 2007 beklagen 57% im Deutschland Trend, dass es in Deutschland ungerecht zugeht. Trotz wachsender Wirtschaft und sinkender Arbeitslosenzahlen erheben sich immer mehr kritische Stimmen. Vor fast genau einem Jahr schrieb DER SPIEGEL „ Erstmals ist eine knappe Mehrheit nicht mehr zufrieden mit dem politischen System der Bundesrepublik“ (vgl. Der Spiegel 2006). Mangelndes Interesse an politischen Themen und Misstrauen gegenüber Politikern bestätigen diesen Trend. Bereits 2001 beschrieb Prof. Dr. Werner Patzelt von der Technischen Universität Dresden, Inhaber des Lehrstuhls für politische Systeme und Systemvergleich, mögliche Ursachen für die Entwicklung wachsender Politikverdrossenheit. Mögliche Einflussfaktoren seien der soziale Rückbau, Reaktionsträgheit politischer Institutionen, Negativismus der Medien und die Individualisierung von Lebensstilen (vgl. Patzelt 2001). Wie es scheint hat sich dieser Trend unaufhaltsam fortgesetzt. Bemerkenswerter Weise begrenzt sich der politische Missmut nicht auf die Gruppe der Erwachsenen. In der Shell-Jugendstudie 2006 werden 28% der Jugendlichen als „politisch-kritische“ Jugendliche genannt. Diese Gruppe der Jugendlichen bezeichnen sich selbst als „politikverdrossen“. Sie kennzeichnen sich durch eine größere Distanz gegenüber politischen Themen, obwohl sie grundsätzlich die demokratischen Werte nicht ablehnen. Insgesamt ist das politische Interesse der jungen Generation von 1984 bis 2006 auf 39% gesunken (vgl. Shell-Jugendstudie 2006). Weitere 28% der Befragten (dieser Wert ist niedriger als in der Shell-Jugendstudie 2002) gehören zu politisch Desinteressierten. Sie schreiben sich keinerlei politische Kompetenzen zu und zeigen gar kein Interesse gegenüber politischen Problemen. Der Jugendsurvey der DJI konnte aus den Vergleichsdaten der Jahre 1992-1997 einen Rückgang feststellen, bei der Frage nach der Befürwortung der Demokratie (Im Westen von 90% auf 84% und im Osten von 81% auf 71%). Insgesamt lehnt aber die Mehrheit der Jugendlichen politischen Extremismus ab und bekennt sich zur Demokratie, trotzdem sind 59% der Jugendlichen in den neuen Bundesländern mit den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen unzufrieden (vgl. Shell-Jugendstudie 2006). Die Kritiker kommen vor allem aus den Reihen der Jugendlichen, die aus den schwierigsten Lebensverhältnissen kommen. Das Verhältnis der Jugend zur Politik muss allerdings auf der Einstellungsebene differenzierter betrachtet werden. Nimmt man zum Beispiel den Aspekt des Institutionsvertrauens, dann wird man ein mangelndes Vertrauen in die etablierten politischen Institutionen feststellen können. Ein ähnliches Bild zeichnet sich beim Vertrauen in die politischen Akteure ab. Kaum ein Jugendlicher, und da unterscheiden sie sich nicht von Erwachsenen, vertraut den Politikern. Unter dem Gesichtspunkt der Partizipation wird man feststellen, dass die institutionalisierte Beteiligung, wie z.B. bei Wahlen von Jugendlichen abgelehnt wird, ebenso konflikthafte politische Aktivitäten. Allerdings ist die Hälfte der Jugendlichen in Verbänden und Organisationen tätig, was auf die Aktivierung der jungen Menschen hinweist. Obwohl die Jugendlichen sich distanziert zur Politik und politischen Institutionen zeigen, engagieren sie sich in den sozialen Bereichen.

Welchen Nutzen kann man aus den Ergebnissen dieser führenden Studien für die Ziele der politischen Bildung ziehen? Da ein mangelndes Interesse an Politik bekundet wird, besteht an erster Stelle die Aufgabe der Aufklärung und Aktivierung der Jugendlichen für die politischen Themenbereiche. Integration und Beteiligung der jungen Generation am politischen Prozess stellt eine der zentralen Herausforderungen für die politische Bildung dar. Eine solche Beteiligung junger Menschen fand zum Beispiel im Rahmen eines mehrtägigen Seminars des Deutsch-Französischen Jugendwerks im Bundeskanzleramt zum Thema Integration statt. Bei diesem Gespräch im Bundeskanzleramt ging es um Vorschläge der Jugendlichen zur Integration. Des Weiteren führt das Missverstehen politischer Abläufe zur Herausbildung falscher Urteile und Beurteilungen (vgl. Petzolt 2001). Die Jugend braucht Wissen über Demokratie und Bundesregierung. Dieses Wissen muss im Rahmen von Projekten und im Fach Politik vermittelt werden. Einen guten Anknüpfungspunkt unter der Berücksichtigung traditioneller Aufgaben politischer Bildung bietet die Auseinandersetzung mit politischen Themenfeldern anhand des Politikzyklus-Modells. Damit die Politik begreiflich und lebendig wird, brauchen junge Menschen Bezugspunkte in ihrem Alltag. Die Schlagworte dazu lauten mehr Mitbestimmung, mehr Selbstbeteiligung und mehr Entscheidungsmöglichkeiten.

Weiterführende Links:

Mehrere Beiträge zum Thema Bürgerliches Engagement. Erschienen sind die Beiträge in der Reihe „ Aus Politik und Zeitgeschichte“.
http://www.bpb.de/files/UDNNW5.pdf

Hier finden Sie einen weiterführenden Beitrag zum Thema Politik im Kinder- und Jugendfernsehen. Auf der Seite des IZI (Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen) finden Sie Forschungsprojekte, Publikationen und eine Literaturdatenbank zum Kinder-, Jugend- und Bildungsfernsehen.
http://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/publikation/televizion/19_2006_2.htm

Hier finden Sie ein Interview mit Prof Dr. Werner Patzelt auf unserer Website.

Gelesen 1139 mal Letzte Änderung am Sonntag, 21 Dezember 2014 00:07
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