Donnerstag, 13 Dezember 2018 10:35

Wann, wenn nicht jetzt? Erklärung zur Politischen Bildung in den Schulen

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Ergebnisse einer Grundsatztagung*der Universität Kassel und der Evangelischen Akademie Hofgeismar im Oktober 2018: Gesellschaften in Europa driften auseinander, Parteiensysteme sind erschüttert, globale Entwicklungen verursachen Ängste und Verunsicherung. Viele Menschen suchen Antworten im Rückzug auf nationale Räume, illiberale und autoritäre Führungen. Menschenverachtung und Hass verbreiten sich in den vermeintlich „sozialen“ Medien. Diskriminierungen, Menschenfeindlichkeit, die Relativierung der NS-Verbrechen und Antisemitismus finden sich nicht nur „an den Rändern“, sondern auch „in der Mitte“ der Gesellschaft. Eine große Distanz und Ablehnung von politischen Akteuren, Institutionen, Medien und öffentlichen Diskursen bedrohen demokratische Verfahren. Diese Phänomene spiegeln gesellschaftliche Konflikte und verweisen zugleich auf offenkundige Defizite und einen dringenden Handlungsbedarf zur Stärkung Politischer Bildung in der Schule. Mit häufig lediglich einer Unterrichtsstunde/Woche ab Klasse 8, die in Haupt- und Realschulen sowie in beruflichen Schulen zwischen 50 und 80 % fachfremd unterrichtet wird, können Schulen ihren demokratischen Bildungsauftrag nicht gerecht werden. Die folgenden Forderungen richten sich an bildungspolitische Akteure in den Landtagen, Fachverbänden und Gewerkschaften sowie an Universitäten, Studienseminare, Aus- und Weiterbil-dungsinstitutionen.

 

Sie stellen den Auftakt einer längst überfälligen öffentlichen Debatte zur dringend notwendigen Stärkung und Professionalisierung Politischer Bildung in allen Schulformen dar. Die Empfehlungen und Forderungen wurden im Rahmen einer Arbeitstagung von Vertreter*innen aus den Arbeitsfeldern der schulischen, universitären und außerschulischen Politischen Bildung erarbeitet. Die Unterzeichner*innen rufen dazu auf, eine breite Diskussion darüber zu führen, wie Schulen ihren Verfassungsauftrag verwirklichen können: Demokrat*innen zu bilden, die gut ausgestattet mit politischer und gesellschaftswissenschaftlicher Bildung sind, deren Wahrnehmung und Bereitschaft zur Verwirklichung der Grund- und Menschenrechte entwickelt wurde, um sich damit aktiv in unsere Demokratie einzumischen. Zusammenfassende Forderungen (Kurzfassung):

  1. Politische Bildung muss ab der frühkindlichen Bildung durch demokratische Partizipation der Kinder beginnen. Von der Primarstufe, über die Sekundarstufen, bis hin zur beruflichen Bildung müssen die Fächer der Politischen Bildung durchgehend von fachlich qualifizierten Lehrkräften unterrichtet werden.
  2. Politische Bildung ist mehr als ein Unterrichtsfach. Sie ist sowohl fachspezifisches, fächerübergreifendes und projektorientiertes Lernen, aber auch Unterrichtsprinzip und Aufgabe demokratischer Schulkultur und -entwicklung. Zur Umsetzung dieser Aufgaben müssen curriculare Freiräume und deutlich mehr zeitliche und personelle Ressourcen bereitgestellt werden.
  3. Um Politische Bildung in der Grundschule strukturell besser zu verankern, bedarf es einer Stärkung des Sachunterrichts als den genuinen Ort der Politischen Bildung auf allen Ebenen (curricular, universitäre Ausbildung, Fort- und Weiterbildung).
  4. Der häufig praktizierte fachfremde Unterricht kann in der Politischen Bildung und im Sachunterricht ebenso wenig akzeptiert werden wie in anderen Fächern. Es müssen dringend qualifizierte Lehrkräfte in allen Schulformen eingestellt werden.
  5. Politische Bildung muss in allen Schulformen gestärkt werden. Für die gesellschaftswis-senschaftlichen Fächer (d.h. Politik, Wirtschaft, Recht, Gesellschaft/Sozialkunde/Soziologie, Geschichte, Geographie) müssen insgesamt deutlich mehr Unterrichtsstunden, in der Sekundarstufe I sechs Stunden/Woche in jedem Schuljahr zur Verfügung stehen.
  6. Die Aufgaben Politischer Bildung können nicht mit einem Lehrdeputat von 24bis 28 Stun-den/Woche realisiert werden. Eine deutliche Stundenreduzierung ist unabdingbar.
  7. Für Lehrkräfte in der Politischen Bildung und dem Sachunterricht besteht ein besonderer Bedarf kontinuierlicher Fort- und Weiterbildung. Dafür müssen die Angebote deutlich ausgeweitet und für Lehrkräfte verbindlich werden. Dies gilt insbesondere für den hohen, nicht akzeptablen Anteil von Lehrkräften, die Politische Bildung fachfremd unterrichten. Entsprechende personelle, räumliche, zeitliche und finanzielle Ressourcen müssen dringend aufgestockt werden.
  8. Wir fordern Kultusministerien dazu auf, Lehrkräfte, die Universitäten und Studienseminare mit einem Abschluss der Fächer Sachunterricht, Politik, Sozialkunde, Gesellschaftswissenschaften, Geschichte und Geographieverlassen, genauso vorrangig in den Schulen einzustellen, wie dies in den letzten Jahren für andere Fächer z.B. im MINT-Bereich galt.
  9. Die Studienzeiten für die Lehramtsstudiengänge der Grund-, Haupt- und Realschule sind in allen Bundesländern auf das Niveau von Masterstudiengängen für das Lehramt an Gymnasien (10 Semester) anzugleichen.
  10. Entsprechend ist eine Gleichstellung der Gehälter aller Lehrämter dringend geboten. Es ist in keiner Weise zu rechtfertigen, dass die Anforderungen und Qualifikationen im Primarbereich oder an Haupt-, Real-, Gesamt-, Förder- und Berufsschulen weniger anspruchsvoll sind als diejenigen an Gymnasien.

 

Wenn Sie diese Erklärung unterstützen möchten, melden Sie sich bitte unter: erklaerung.politische-bildung@uni-kassel.de Wir nehmen Sie gerne als Unterzeichner*in auf.

Mehr Infos finden Sie hier.

Gelesen 279 mal Letzte Änderung am Dienstag, 26 März 2019 13:45
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